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Bindungsorientierte Erziehung: Gefühle von Kindern erkennen und co-regulieren

  • Autorenbild: Anna Ledderboge
    Anna Ledderboge
  • 22. Okt. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 25. Okt. 2025

Wenn Gefühle gesehen werden

Das Kind fällt hin und weint. Die Mutter hat gesehen, dass es sich nicht besonders weh getan haben kann, und ignoriert das Weinen des Kindes entweder ganz oder fertigt es mit einem kurzen "Ist doch nichts passiert." oder "Spiel weiter." ab. So oder so ähnlich sehe ich es oft auf Spielplätzen. Der Gedanke ist wahrscheinlich der, dass ein Kind auf dessen Befindlichkeiten zu sehr und oft eingegangen wird, verweichlicht oder verwöhnt wird.

Vor allem Jungs lernen oft früh, dass Weinen unangemessen ist und "nur für Mädchen." sei. Diese Haltung vermittelt: Traurigkeit, Wut oder Angst sind unerwünscht - vor allem in der Öffentlichkeit.

Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch, dass das Ignorieren oder Abwerten von kindlichen Gefühlen langfristig die emotionale Entwicklung stört: Kinder können Unsicherheit, depressive Tendenzen oder überangepasstes Verhalten entwickeln, bei dem sie z.B. im späteren Leben zu sog. Ja-Sagern werden, um Konflikte und unangenehme Gefühle zu vermeiden.


ein junge weint
Auch Jungs dürfen weinen.

Wutanfälle bei Kindern und wie wir damit umgehen

Eine andere Form der Gefühlsäußerung bei Kindern sind die gefürchteten Wutanfälle. Oft unvermittelt und ohne Ankündigung können sie jeden Supermarktausflug vermiesen. Das Kind bekommt den Lutscher nicht und wirft sich schreiend auf den Boden - die Blicke der anderen Kunden sind dir sicher. Man neigt dazu, diese höchst unangenehme Situation schnellstmöglich beenden zu wollen und dabei auch deutlich allen Herumstehenden zeigen zu wollen, dass man als Elternteil durchgreift, denn Strafe für unerzogenes Verhalten muss sein.


Wenn wir uns jedoch vor Augen halten, dass Wutausbrüche keineswegs Zeichen von schlechtem Verhalten sind , sondern vielmehr Ausdruck unverarbeiteter Gefühle, wird plötzlich klar, dass das Kind hier nicht der "Täter" ist, sondern "Opfer". Kinder können ihre Emotionen in diesen Momenten nicht kontrollieren, weil das limbische System, zuständig für emotionale Reaktionen, sehr stark arbeitet, während der präfrontale Cortex als Impulskontrollzentrum noch unreif ist.

Das bedeutet: Ein Kind kann in dem Moment nicht anders – es reagiert reflexhaft auf Frust oder Überforderung. Es kann ein langer Tag voller Anpassung und Kooperation vorangegangen sein, ein Streit im Kindergarten oder in der Schule oder einfach zu viel Input. Von Zeit zu Zeit passieren dann die berühmten Kurzschlüsse im Gehirn. Der Lutscher ist nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. So wird auch klar, dass das Nachgeben (den Lutscher geben) genauso wenig bringt, wie Bestrafungen oder die Androhung davon.


Im Gegenteil: das Kind befindet sich in einem orientierungslosen Raum, es versteht selber nicht, was gerade mit ihm passiert, es verspürt Angst und Stress. Das Cortisol-Level ist hoch. Diskussionen sind sinnlos, denn Informationen in Form von Worten kommen gar nicht an. Strafen wirken sich kontraproduktiv aus, sie verstärken nur die Angst, können Scham und noch mehr Unwohlsein auslösen ("Mir ging es heute im Supermarkt nicht gut, dann war Mama/Papa auch noch böse auf mich und ich musste ganz allein im Auto warten und abends durfte ich nicht fernsehen.") Blöder Tag, oder?


Co‑Regulation – Gefühle gemeinsam steuern

Egal, ob kleine Stürze, aufgeschürfte Knie, Wutausbrüche oder andere Äußerungen von Gefühlen – ob gute oder schlechte: Eines gilt immer: Gefühle müssen von uns Eltern wahrgenommen, verstanden und anschließend co‑reguliert werden.

Co-Regulation bedeutet dabei nicht anderes, als dass du deinem Kind hilfst, seine Gefühle zu erkennen, auszuhalten und sich zu beruhigen. (Kinder können ihre Emotionen in den ersten Lebensjahren noch nicht selbstständig regulieren, weil die Gehirnregionen, die für Selbstkontrolle zuständig sind – insbesondere der präfrontale Cortex – noch nicht voll entwickelt sind. Bis etwa 5–6 Jahre brauchen Kinder diese Begleitung regelmäßig, später noch (bis ungefähr 8 Jahre) bei sehr intensiven Gefühlen.)

Durch deine ruhige Präsenz, Stimme und empathische Haltung lernt dein Kind Schritt für Schritt, wie es seine Emotionen selbst steuern kann – und entwickelt so Selbstregulation, emotionale Stabilität und Vertrauen.


ein kleines mädchen ist nachdenklich
Kinder zeigen häufig Gefühle, lernen sie früh diese zu unterdrücken, kann sich das sehr nachteilig auf das spätere Leben auswirken.

Warum wir Gefühle heute ernst nehmen sollten

Emotionen werden oft als störend empfunden. Erwachsene zeigen in der Öffentlichkeit selten Gefühle, es sei denn, es sind die "Guten". Aber davon bitte auch nicht zu viel, sonst wirkt man schnell seltsam auf andere. Kinder lernen daher schon sehr früh, sich dem anzupassen und ihre Gefühle nicht zu zeigen. Studien zeigen, dass das regelmäßige Unterdrücken von Emotionen das Risiko für Depressionen, Angststörungen und überangepasstes Verhalten deutlich erhöht. Wenn Kinder allerdings früh lernen, dass ihre Emotionen gewürdigt werden, können sie Selbstvertrauen aufbauen, Konflikte besser lösen und gesunde soziale Beziehungen entwickeln.


Bei Co-Regulation geht es übrigens nicht darum, ein Kind möglichst schnell zu beruhigen oder den Wutanfall abzukürzen, damit wieder Ruhe einkehrt. Gefühle sollen nicht weggedrückt, sondern gelebt und durchlebt werden. Wenn ein Kind traurig, wütend oder frustriert ist, braucht es Raum, diese Emotionen zu fühlen – ohne Druck, wieder im "Normalzustand" zu sein. Deine Aufgabe ist nicht, das Gefühl zu stoppen, sondern es mitzuhalten: präsent zu bleiben, Ruhe auszustrahlen und deinem Kind zu zeigen, dass auch intensive Gefühle in Ordnung sind. Erst wenn Emotionen angenommen werden, können sie sich regulieren. Das ist der Kern von echter emotionaler Begleitung – nicht Kontrolle, sondern Beziehung.


Tipps für den Alltag zur Gefühlsbegleitung:

Wir wissen nun, dass Gefühle wichtig sind und nicht unterdrückt oder bestraft werden sollten – sondern, dass Kinder Begleitung brauchen, um sie zu verstehen und zu verarbeiten. Doch was heißt das im Alltag ganz konkret? Wie reagierst du richtig, wenn dein Kind wütend, traurig oder überfordert ist? Und wie kannst du es in solchen Momenten liebevoll unterstützen, ohne dich selbst zu verlieren?


Die folgenden Tipps zeigen dir, wie bindungsorientierte Begleitung im täglichen Miteinander aussieht – praktisch, einfühlsam und alltagstauglich:

  • Benenne Gefühle: „Ich sehe, du bist wütend, weil …“

  • Bleib ruhig und präsent, auch bei intensiven Gefühlen

  • Begleite statt sofort zu lösen: „Lass uns kurz durchatmen“

  • Biete körperliche Nähe oder beruhigende Gesten an, wenn möglich

  • Setze klare, liebevolle Grenzen, ohne Gefühle abzuwerten

  • Übe kleine tägliche Routinen für emotionale Reflexion (s. meine Seite "Gefühle von Kindern" - und lade dir die gratis Gefühlskarten zur Emotionsregulation herunter)

  • Sei Vorbild für Selbstregulation: zeige, wie man Gefühle handhabt

Gib Wahlmöglichkeiten: „Willst du jetzt kuscheln oder kurz rausgehen?“


Fazit zur Co-Regulation

Wenn du Gefühle deines Kindes ernst nimmst und Co‑Regulation praktizierst, legst du den Grundstein für emotionale Stabilität, Selbstvertrauen und sichere Bindung. Wutanfälle, Traurigkeit oder Frustration sind keine Fehler, sondern Signale, die dein Kind mit deiner Hilfe verarbeiten kann. Zusammen mit liebevoll gesetzten Grenzen, Wärme, Struktur, Responsivität und Konstanz wächst dein Kind zu einem psychisch robusten, empathischen Menschen heran – bereit, die Welt selbstbewusst und sicher zu erkunden. Diese vier Säulen bilden die Grundlage für eine moderne, bindungsorientierte Erziehung, die Beziehung, Vertrauen und gesunde emotionale Entwicklung in den Mittelpunkt stellt.



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