Warum Korrekturen, Belehrungen und Strafen in den ersten Lebensjahren mehr schaden als helfen
- 10. Okt.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 2. Nov.
– und wie du stattdessen Vertrauen, Selbstvertrauen und Kreativität stärkst
Kinder wollen nicht perfekt sein. Sie wollen entdecken. Sie wollen ausprobieren, fühlen, klettern, matschen, Fehler machen und wieder neu beginnen. Doch viele Eltern – oft aus Sorge und Liebe – greifen ständig ein: „Setz dich ordentlich hin.“ oder "Ich zeige dir mal, wie es richtig geht." Und geht mal etwas daneben oder kooperiert das Kind nicht in unserem Sinne, greifen wir gerne zu Bestrafungen.
Wir wollen unser Kind schützen, fördern, leiten und zu einem höflichen Menschen heranziehen.
Doch genau dieses ständige Eingreifen verhindert, dass Kinder sich selbst erleben. Korrekturen, Belehrungen und Strafen sind in den ersten Jahren nicht nur unnötig, sondern sogar kontraproduktiv. Sie bremsen, was Kinder am besten können: Lernen durch Tun.
Korrekturen – wenn gut gemeint zum Stolperstein wird
Fast alle Eltern kennen das: Ein Kind steht auf der Schaukel, weil es herausfinden will, wie sich das anfühlt. Ein anderes klettert die Rutsche hinauf, um zu testen, ob es das schafft. Oder beim Turmbau stapelt dein Kind die kleinen Steine unten und die großen oben, einfach, weil es das spannend findet - oder noch nicht besser weiß.
Und wir Erwachsene? Greifen allzu oft ein und kommentieren: „Das macht man nicht so! Das ist falsch."
Für ein Kind gibt es aber beim Spielen kein richtig oder falsch. Es gibt nur Ausprobieren. Kinder lernen durch Beobachtung, Wiederholung, Versuch und Irrtum. Wenn wir sie ständig korrigieren, nehmen wir ihnen die Erfahrung, selbst herauszufinden, was funktioniert und was nicht. Das Kind spürt: „Mama oder Papa wissen es besser.“ oder „Ich kann es sowieso nicht allein.“ So entsteht Unsicherheit statt Selbstvertrauen.
Kinder, die frei experimentieren dürfen, entwickeln dagegen Kreativität, Körperbewusstsein, Problemlösungsfähigkeit und Selbstvertrauen, denn Spiel ist kein Zeitvertreib. Spiel ist Lernen.
Wenn ein Kind Steine stapelt, malt, rutscht oder baut, trainiert es Motorik, Konzentration, räumliches Denken, Emotionen und soziale Kompetenzen. Jede elterliche Korrektur greift in diesen Prozess ein. Der Lernprozess wird gestört. Wenn das Kind hört, der Turm sei so falsch, dann wird ihm die Erfahrung geraubt, selbst herauszufinden warum.
Kinder brauchen also Fehler, um Ursache und Wirkung zu verstehen. Sie brauchen Freiheit, um Vertrauen in sich selbst zu entwickeln.

Wenn Kinder etwas Gefährliches vorsichtig tun
Ein Satz bringt diese Haltung wunderbar auf den Punkt. Er wird Schriftstellern wie Roald Dahl und Rose Kennedy zugeschrieben: "The more risks you allow children to take, the better they learn to took after themselves." (Je mehr Risiken du Kindern zutraust, desto besser lernen sie, auf sich selbst aufzupassen.). Oder frei gesagt: „Wenn Kinder etwas Gefährliches vorsichtig tun, dann lass sie.“ Kinder, die ausprobieren dürfen, lernen Verantwortung. Sie lernen, Risiken einzuschätzen, vorsichtig zu handeln und Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln. Wenn wir sie dagegen ständig bremsen, lernen sie nicht Sicherheit – sondern Angst.
Ich sehe oft Eltern auf Spielplätzen, die ihre Kinder ununterbrochen belehren: „Mach das so.“, „Sei vorsichtig.“, „Sag der Amelie Tschüss.“ Das ist liebevoll gemeint – aber es macht Kinder unsicher. Sie trauen sich weniger, warten ständig auf Bestätigung und Anweisung, statt aus sich selbst heraus zu handeln. Ihre natürliche Neugier wird durch Angst ersetzt, etwas falsch zu machen. Sie verlieren Vertrauen in ihre eigene Wahrnehmung – und damit einen Grundpfeiler ihrer Entwicklung: Selbstwirksamkeit.
Kinder, die ungestört spielen dürfen, lernen dagegen intuitiv, was möglich ist. Sie erleben Stolz, wenn etwas gelingt, und Frustration, wenn es nicht klappt – beides sind wertvolle Lernerfahrungen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass wir Kinder Gefahren aussetzen sollen, sondern dass wir ihnen zutrauen dürfen, vorsichtig mutig zu sein. Bei echter Gefahr dürfen -und müssen- wir natürlich eingreifen.
Belehrungen – warum Worte oft ins Leere laufen
Viele Eltern möchten ihren Kindern Werte vermitteln: teilen, geduldig sein, Rücksicht nehmen. Doch kleine Kinder verstehen moralische Konzepte noch nicht.
Wenn du sagst: „Man muss teilen.“, „Das gehört sich nicht.“, „Wir sitzen am Tisch, bis alle fertig sind.“ …dann hört dein Kind Worte, aber kein Erlebnis. Kinder lernen nicht durch Predigten, sondern durch Erfahrung und Nachahmung.
Ein typisches Beispiel: Ein Kind bekommt beim Bäcker ein Brötchen geschenkt. Die meisten Mütter "zwingen" ihr Kind sich zu bedanken. Das Kind wird in der Regel beschämt zu Boden gucken und ein kaum hörbares "Danke" murmeln. Es wird davon ausgegangen, dass Kinder so lernen dankbar und höflich zu sein. Gleiches gilt für das Teilen von Spielzeug oder Bitte-sagen ("Wie heißt das Zauberwort?").
Die richtige Vorgehensweise, wenn Du dein Kind zu einem höflichen Menschen erziehen willst, ist -wie bei vielen Erziehungsthemen- das gute Vorbild. Sagt die Mutter beim Bäcker freundlich "Danke", kann sie sicher sein, dass das Kind dies demnächst auch tun wird. Genauso kann eine Familie, die am Tisch zusammensitzt, den Tag bespricht und dies als Ritual in seinen Tag einbaut, sicher sein, dass das Kind irgendwann auch mit am Tisch sitzen wird und diese vorgelebte tägliche Routine übernehmen wird.
Kinder lernen durch Beziehung und Vorbild, nicht durch Reden. Kinder beobachten – und sie imitieren.
Belehrungen sind also nicht nur unnötig (da ein kleines Kind z.B. noch gar keinen Sinn für Teilen hat (dieses Skill, so wie viele andere auch, lernt es erst im Laufe seiner Entwicklung), es kann sich sogar kontraproduktiv auf die Entwicklung auswirken, da es beim Kind zu Unsicherheiten führt. Das schwächt Selbstvertrauen, bremst Spontanität und erzeugt innere Anspannung. Kinder beginnen so, ihr Verhalten zu kontrollieren, bevor sie überhaupt verstehen, warum. Wir Erwachsenen leben bereits in einer Welt voller Regeln und Strukturen - das ist antrainiert. Wir sollten unsere Kinder, die aber in einer ganz anderen Welt leben, nicht so früh schon in diese Formen drücken. Lassen wir ihnen ihre Kreativität, ihren Entdeckerdrang und ihre Unschuld. In die Welt der Großen werden sie früh genug reingezwungen.

Strafen – warum sie kurzfristig wirken, aber langfristig schaden
Viele Eltern glauben, Kinder „brauchen Konsequenzen“. Doch Strafen erzeugen kein Lernen, sondern Angst. Ein Kind, das bestraft wird, reagiert aus Furcht, nicht aus Einsicht. Es lernt, wie man Strafe vermeidet – nicht, warum ein Verhalten problematisch war.
Zahlreiche Studien zeigen:
Strafen stören die Bindung zwischen Eltern und Kind.
Kinder zeigen häufiger Trotz, Angst oder Rückzug.
Positive Erziehung, also liebevolle Führung mit klaren Grenzen, wirkt nachhaltiger.
Kinder lernen, wenn sie sich sicher und verstanden fühlen. Ein Kind, das spürt: „Ich darf Fehler machen, ohne Liebe zu verlieren“, entwickelt Mitgefühl und Selbstregulation.
Da dieses Thema sehr wichtig und umfangreich ist, werde ich in anderen Artikeln noch genauer darauf eingehen, an dieser Stelle nur: Strafen sind nie der richtige Weg, auch wenn die ältere Generation dies zeitweise noch anders sieht. Und wir reden nicht nur von körperlichen Strafen, sondern auch von Sätzen, wie "Wenn du jetzt nicht aufhörst, gibt es heute Abend keine Gute-Nacht-Geschichte." Auch diese Form der Bestrafung ist kontraproduktiv, denn ein Kind kann den Zusammenhang zwischen "einem Vergehen" und der Geschichte am Abend überhaupt nicht herstellen. Aber dies - wie gesagt- ausführlicher an anderer Stelle.
Was Kinder statt Korrekturen, Belehrungen und Strafen wirklich brauchen
Korrekturen, Belehrungen und Strafen gehören zu den häufigsten Erziehungsreflexen – und doch verhindern sie oft das, was wir eigentlich wollen: unsere Kinder sich zu selbstbewussten, empathischen und kreativen Menschen entwickeln zu lassen. Kinder sollten ausprobieren, scheitern, lachen, neu beginnen. Denn genau dort, in diesem freien Raum, wächst alles, was es später stark macht.
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