Weihnachten in der heutigen Erziehung: Wie moderne Familien Weihnachten kindgerecht gestalten
- Anna Ledderboge
- 27. Nov. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Warum traditionelle Weihnachtsrituale heute hinterfragt werden
Weihnachten ist für Kinder einer der emotionalsten Momente des Jahres. Viele Familien wünschen sich eine Zeit voller Wärme, Geborgenheit und Verbundenheit. Gleichzeitig tragen wir als Eltern oft Traditionen weiter, die aus heutiger Sicht nicht mehr zu einer respektvollen und bindungsorientierten Erziehung passen. Viele Weihnachts-Traditionen stammen aus einer Zeit, in der Erziehung mit Disziplin und moralischer Kontrolle verbunden war. Figuren wie Knecht Ruprecht, der Begleiter des Nikolaus, sollten „unartige“ Kinder strafen oder zumindest das Verhalten durch Furcht steuern. In vielen Familien heute bleibt von diesem Hintergrund nur ein Ritual übrig – mit dem Risiko, dass es Kindern eher Druck und Angst vermittelt als Freude und Geborgenheit. Weiter erzählen wir unseren Kindern das Märchen vom Weihnachtsmann oder gehen kollektiv in die Kirche, obwohl man als Familie den Rest des Jahres eigentlich nicht religiös lebt.

Gerade in einer modernen Gesellschaft, in der Wert auf liebevolle, sichere Beziehungen und respektvolle Erziehung gelegt wird, kommen solche alten Muster ins Wanken.
Dieser Artikel lädt dazu ein, Weihnachten in der heutigen Erziehung neu zu beleuchten und liebevoll zu reflektieren – und bewusst so zu gestalten, dass unsere Kinder gestärkt daraus hervorgehen.
Weihnachten in der heutigen Erziehung braucht keinen Knecht Ruprecht
Die Figur des Knecht Ruprecht war ursprünglich Teil eines dualistischen Systems: Der Nikolaus belohnt die „Braven“, Ruprecht bestraft die „Unartigen“. Viele heutige Eltern kennen Knecht Ruprecht noch als düstere Figur, die mit der Rute droht. Historisch sollte er Kindern Angst machen, damit sie „artig“ sind. Diese Idee stammt aus einer Zeit, in der Angst als legitimes Mittel der Erziehung galt - und ist längst überholt. Für viele Kinder bedeutete das Angst vor Strafe oder zumindest das Bewusstsein, überwacht zu sein.
Heute ist klar: Angst als Methode, um Anpassung oder gutes Verhalten zu erzwingen, widerspricht einem modernen, bindungsorientierten Erziehungsverständnis. Angst macht Kinder gehorsam, aber nicht stärker. Sie erzeugt Unsicherheit und kann Vertrauen untergraben. Auch der Deutsche Kinderschutzbund weist darauf hin, dass Drohungen mit strafenden Weihnachtsfiguren für Kinder belastend sein können und in einer modernen Erziehung keinen Platz haben (Hinweis: Kinderschutzbund Schaumburg, Elternratgeber 2022). Kinder brauchen keine Bedrohung, um Verhalten zu lernen - sie brauchen Verständnis, Sicherheit und Vorbilder. Bindung wird zerstört, wenn Kontrolle und Furcht die Basis sind. Deshalb ist es sinnvoll, solche Figuren zu überdenken oder ihre Bedeutung neu zu interpretieren, statt alte Furchttraditionen weiterzutragen.

Die Weihnachtsmann-Geschichte: Fantasie fördern ohne Vertrauen zu verletzen
Die fantasievolle Geschichte vom Weihnachtsmann ist für viele Kinder eines der schönsten Elemente der Adventszeit. Der Gedanke an seinen Schlitten, die flinken Rentiere, die emsigen Elfen in seiner Werkstatt und das geheimnisvolle Nordpol‑Zuhause weckt Staunen und regt die Vorstellungskraft an. Diese magischen Bestandteile lassen Kinder in eine Welt eintauchen, in der Wunder möglich sind, und schenken der Adventszeit einen besonderen Zauber.
Gleichzeitig fragen sich Eltern: Wann wird aus einer liebevollen Geschichte eine gezielte Irreführung? Aus Sicht einer bindungsorientierten Erziehung lohnt es sich zu überlegen, ob die Verbindung von Verhalten und Geschenk wirklich nötig ist - oder ob sie den Zauber der Fantasie unnötig mit Leistungsdruck vermischt. So kann die Geschichte vom Weihnachtsmann als liebevolles Spiel der Vorstellungskraft erhalten bleiben, ohne Vertrauen oder Ehrlichkeit zu gefährden.
Philosophische Beiträge wie der von David Kyle Johnson („Against The Santa Claus Lie“) betonen, dass eine Lüge dann problematisch wird, wenn sie bewusst zur Verhaltenssteuerung eingesetzt wird – etwa nach dem Motto: „Wenn du nicht lieb bist, bekommst du nichts.“ Wenn der Glaube an den Weihnachtsmann also gezielt genutzt wird, um Kinder „brav“ zu halten, dann wird Fantasie zur Manipulation.
Gleichzeitig zeigen pädagogische Einschätzungen, dass Fantasiegeschichten grundsätzlich kein Problem darstellen, solange sie liebevoll begleitet werden und das Vertrauen der Kinder nicht ausgenutzt wird.
Es geht also nicht darum, ob wir Geschichten erzählen – sondern wie. Kinder spüren sehr gut, ob etwas aus Freude geteilt wird oder als Druckmittel dient.
Bindungsorientierte Eltern können den Mythos Weihnachtsmann also bewusst nutzen – aber ohne ihn zum Instrument der Verhaltenskontrolle zu machen. Viel wichtiger ist: Ehrlichkeit, Authentizität und Sensibilität, wenn Kinder Fragen stellen oder Zweifel äußern.
So bleibt der Zauber erhalten, ohne das Vertrauen zu riskieren.
An Weihnachten in die Kirche, ohne Glauben: Wie Eltern mit dieser Tradition sinnvoll umgehen können
Für manche Familien gehört ein Weihnachtsgottesdienst einfach dazu, aus kultureller Gewohnheit, familiärer Tradition oder sozialer Erwartung - obwohl sie im Alltag wenig mit Religion und Kirche zu tun haben. Für einige ist es ein kulturelles Ritual, für andere ein Moment der Ruhe. Doch wenn Eltern selbst nicht gläubig sind und Kinder dennoch in die Kirche gehen „müssen“, entsteht die Gefahr, dass Kinder Rituale als leere Pflicht erleben. Denn Kinder merken, ob etwas authentisch ist.
Sozialwissenschaftliche Untersuchungen (z. B. US-amerikanische Forschung zu „cultural Christians“) zeigen, dass solche Rituale für Kinder dann Sinn ergeben, wenn Erwachsene erklären, warum man dort hingeht: weil es Tradition ist, weil es feierlich ist, weil man die Musik mag, wegen des Gemeinschaftsgefühls, weil es ein Moment des Innehaltens, der Ruhe und Besinnung ist.
Schwierig wird es, wenn Kinder spüren, dass der Anlass für die Erwachsenen eigentlich gar keine Bedeutung hat – oder wenn sie gehen „müssen“, ohne zu verstehen, warum. Dann erscheint auch der schönste und besinnlichste Kirchenbesuch aus Kindersicht sinn- und wertlos. Bindungsorientierte Erziehung bedeutet hier: Transparenz, Freiwilligkeit und eine klare Haltung.
Und: Weihnachten kann auch anders gefeiert werden — mit liebevollen Ritualen, ohne Zwang und ohne Ritualdruck.
Worauf es an Weihnachten für Kinder wirklich ankommt oder Weihnachten als Raum für Nähe, echte Rituale und lebenslange Familienerinnerungen
Statt Angst, Pflicht oder Hoffnung auf Geschenke brauchen Kinder vor allem das Gefühl, gesehen, gehört und geliebt zu sein. Weihnachten bietet eine seltene Chance: Der Alltag verlangsamt sich, viele Familien haben mehr Zeit miteinander, und es entsteht ein natürlicher Raum, um Nähe zu leben und das Jahr gemeinsam zu reflektieren. Kinder profitieren enorm davon, wenn Eltern diese besondere Zeit nutzen, um Rituale zu pflegen, die Geborgenheit schenken und Bindung stärken.

Gemeinsame Aktivitäten helfen Kindern, sich sicher, gehalten und wertvoll zu fühlen. Sie geben Struktur, schaffen Vorfreude und bilden Erinnerungen, die ein Leben lang bleiben. Besonders in einer Welt, die oft schnell, laut und von außen gesteuert ist, tut es Kindern gut, an Weihnachten zuhause anzukommen - im vertrauten Rhythmus der eigenen Familie.
Kindgerechte Weihnachtsaktivitäten, die Verbindung und Geborgenheit fördern
Plätzchen backen und Teig naschen
den Weihnachtsbaum gemeinsam aussuchen und schmücken
einen Adventskranz oder weihnachtliche Deko basteln
Nikolausstiefel putzen und am Abend davor rausstellen
Weihnachtsgeschichten vorlesen (z. B. Klassiker oder moderne Interpretation)
Winter- oder Weihnachtsfilme schauen und darüber sprechen
gemeinsame Spieleabende mit einfachen, kindgerechten Spielen
Weihnachtslieder singen oder hören
einen „Jahresrückblick“ im Familienkreis: Was war schön? Was wünschen wir uns?
Gemeinsame Spaziergänge im Winter, eventuell mit Laternen oder warmem Punsch
ein kleines Familienritual entwickeln, etwa ein besonderes Frühstück an Heiligabend
Großeltern oder andere wichtige Bezugspersonen besuchen
einfache Hilfsprojekte für Kinder unterstützen: Spielzeug spenden, Plätzchen an Nachbarn geben
Eine „Wunschliste fürs nächste Jahr“ gestalten – nicht für Geschenke, sondern für gemeinsame Erlebnisse

Wenn Weihnachten auf solche Bedürfnisse ausgerichtet ist, wird es kein Fest von Konsum, Druck oder Erwartungen, sondern ein Moment echter Verbindung.
Gemeinsame Rituale und selbstgewählte Familientraditionen sind kraftvoll. Viele Erwachsene erinnern sich noch Jahrzehnte später an genau diese Momente: das Plätzchenbacken, den Geruch des Baums, die Musik, das Gefühl von Zuhause-Sein. Dieser Zauber ist real – und er entsteht durch Wärme, Nähe und Echtheit, nicht durch Angst, Strafe oder Täuschung.
Weihnachten darf und soll ein Fest sein, das Kinder in ihrer Fantasie stärkt, Liebe vermittelt und Geborgenheit schenkt. Genau aus diesem Grund lohnt es sich, alte Muster wie Knecht Ruprecht oder erzwungene Rituale hinter sich zu lassen und Weihnachten so zu gestalten, dass es den Zauber bewahrt, den Kinder wirklich brauchen.
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