Wenn dein Kind nicht hört – wie du ruhig bleiben kannst und warum das so wichtig ist
- Anna Ledderboge
- 24. Nov.
- 4 Min. Lesezeit
Warum Kinder manchmal nicht hören – was wirklich dahintersteckt
Wenn dein Kind nicht auf dich hört, kann das schnell zu Frust, Verzweiflung – und lautem Streit führen. Aber es ist wichtig zu verstehen: Kleinere Kinder haben oft nicht genug Selbstregulation, um deine Worte sofort umzusetzen. Sie sind noch mitten in der Entwicklung und brauchen dich nicht nur als Anweiser, sondern als emotionalen Anker. Statt ihr Verhalten nur zu sanktionieren, hilft es, sich zu fragen: „Was braucht mein Kind gerade wirklich?“
Für dein Kind steht häufig nicht der Inhalt deiner Worte im Vordergrund, sondern der Moment selbst: eine starke Emotion, ein Bedürfnis, Müdigkeit, Hunger oder ein innerer Konflikt. Es kann nicht immer sofort auf deine Aufforderung reagieren – zumindest nicht zuverlässig. Deshalb ist es wichtig, das Verhalten nicht vorschnell als „Ungehorsam“ zu deuten. Im bindungsorientierten Ansatz betrachten wir solche Situationen als Ausdruck eines Bedürfnisses oder als Zeichen von Überforderung. Wenn du diese Perspektive einnimmst, verändert sich automatisch deine Haltung: weniger Kampf, mehr Verständnis, weniger Druck, mehr Orientierung.

Wissenschaftlich fundierte Erziehungsansätze zeigen: Kinder lernen besser, wenn wir nicht nur Grenzen setzen, sondern auch Beziehung schonen. In Momenten, in denen dein Kind nicht zuhört, kann Co-Regulation – also das Mitregulieren deiner eigenen Gefühle und Nervosität – ein starker Hebel sein (z. B. durch ruhige Atmung oder sanftes Sprechen). Wenn du in solchen Momenten ruhig bleibst, gibst du deinem Kind Sicherheit – so lernt es, dass es nicht allein ist, auch wenn es emotional aufgewühlt ist.
Warum deine Ruhe der Schlüssel ist – Co-Regulation verstehen
Kinder lernen emotionale Selbstregulation nicht von allein. Sie lernen sie über dich. Co-Regulation bedeutet: Du stellst deinem Kind dein eigenes, reguliertes Nervensystem zur Verfügung, damit es sich daran orientieren kann.
Wenn du ruhig bleibst, signalisierst du deinem Kind: „Ich halte dich und deine Gefühle aus.“ Für ein Kind ist das mehr als Trost – es ist ein biologisches Bedürfnis. Erst über deine Gelassenheit findet es wieder Sicherheit, kann Spannung abbauen und sich öffnen.
Doch diese Ruhe aufrechtzuerhalten ist anspruchsvoll. Niemand bleibt immer entspannt. Entscheidend ist, dass du bewusst innehalten kannst, statt in den Strudel der kindlichen Emotionen hineingezogen zu werden. Ein tiefes Ausatmen, ein kurzer Moment der Stille, ein Schritt zur Seite, um die eigene Überforderung zu regulieren – all das ist Co-Regulation.
Wenn du dich sammelst, bevor du reagierst, beeinflusst du die gesamte Situation. Dein Kind spürt intuitiv, wenn du stabil bist. Das ist der Ausgangspunkt für Kooperation – nicht Strenge oder Druck.
Verstärke positives Verhalten durch echtes Lob, wenn dein Kind zuhört oder kooperiert. Wenn du stattdessen nur auf Fehler achtest, erlebt dein Kind, dass negative Momente mehr Bedeutung haben als die guten, und das kann die Motivation senken.
Und wenn du doch mal lauter geworden bist, dann ist das ganz normal. Mache dir keinen Stress deswegen. Wichtig ist hier der Umgang damit: spreche die Situation später nochmal an, erkläre warum du laut geworden bist, entschuldige dich. So lernt dein Kind, dass wir alle nicht perfekt sind, Fehler passieren, aber wenn wir reflektieren und uns Gedanken machen, dann fühlt sich das für das Gegenüber gut an.
Gelassen zu reagieren bedeutet nicht, alles durchgehen zu lassen. Es bedeutet, deinem Kind Orientierung zu geben, ohne Druck auszuüben. Kinder brauchen Erwachsene, die gleichzeitig Halt geben und Ruhe ausstrahlen, besonders dann, wenn die eigenen Gefühle gerade groß und schwer zu sortieren sind.
Sprich langsam und ruhig, statt lauter zu werden. Reduziere deine Worte, damit dein Kind sie überhaupt aufnehmen kann. Geh auf Augenhöhe, halte kurz inne, bevor du Erwartungen formulierst, und wiederhole deine Botschaft ohne Vorwurf. Kinder können mehrere Informationen am Stück oft noch nicht verarbeiten – sie brauchen Einfachheit und Klarheit.
Oft wird empfohlen zu flüstern, wenn ein Kind sehr laut wird. Viele Eltern berichten, dass es ein echter Wendepunkt sein kann: Je intensiver die Emotionen des Kindes, desto leiser und ruhiger die Reaktion der Bezugsperson. Probiere es aus – es holt viele Kinder aus der Überforderung zurück.
Hilfreich ist auch, die zugrunde liegenden Bedürfnisse im Blick zu behalten. Kleine Übergänge – Jacke anziehen, Zähne putzen, Aufräumen – sind für uns Erwachsene Routine, für Kinder jedoch echte Herausforderungen. Du kannst unterstützen, indem du Nähe anbietest, einen klaren Ablauf vorgibst oder einzelne Handlungsschritte in kleine, machbare Etappen teilst.
Je sicherer dein Kind sich fühlt, desto leichter gelingt ihm Kooperation.
Und wenn es trotzdem einmal nicht klappt – obwohl du ruhig geblieben bist – dann ist es in Ordnung. Gehe kurz aus der Situation, hole tief Luft und drücke auch mal ein Auge zu. Wenn dein Kind unbedingt im Schlafanzug in den Kindergarten möchte oder keine Jacke anziehen will, entscheide situativ und mit Blick auf das Wesentliche. Mach dir keine Sorgen, was andere denken. Nahezu alle Eltern kennen solche Phasen, in denen Kleidungswechsel plötzlich ein Reizthema ist. Mach dir klar, dass viele Kinder auf dem Spielplatz den Schlafanzug unter der Jacke tragen, denn wir alle machen das Gleiche durch. Mit etwas Humor lässt sich vieles leichter tragen – und genau das tut oft allen gut.
Was nicht hilft wenn dein Kind nicht hört – und warum Druck oft alles verschlimmert
Sätze wie „Jetzt hör endlich!“ oder „Du machst mich wahnsinnig!“ wirken in angespannten Momenten verständlich, aber sie helfen Kindern nicht. Sie steigern nur die Unsicherheit – und damit das Verhalten, das du eigentlich reduzieren möchtest. Kinder unter Stress gehen nicht in die Lösung, sondern in den Selbsterhalt.
Auch Konsequenzen, die nichts mit der Situation zu tun haben, oder Erpressungen („Dann gibt es später kein…“) schwächen langfristig die Bindung und lösen das Problem nicht. Zudem können Kinder noch gar keinen Zusammenhang zwischen dem "Vorfall" und einer solchen Strafe herstellen. Der erwünschte Lerneffekt bleibt also aus. Dein Kind braucht vielmehr Orientierung, nicht Angst vor Verlust oder Bestrafung. Sicherheit ist der Motor für Kooperation.

Zusammenfassung – wenn du ruhig bist, kann dein Kind wachsen
Dein Kind hört nicht, weil es klein ist – nicht weil es nicht will. Es braucht dich in diesen Momenten. Deine Stabilität, deine Klarheit, deine Ruhe.
Mit einer bindungsorientierten Haltung, dem Wissen um Co-Regulation und einem bewussten Umgang mit Stresssituationen schaffst du die Grundlage dafür, dass dein Kind lernen kann, mit seinen Gefühlen und Herausforderungen umzugehen.
Und jedes Mal, wenn du die Ruhe findest, wächst auch du ein Stück mit.



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